Die Wiek

Meine Wiek


In Erinnerung an die Heimat

niedergeschrieben von

Herbert Skroblin

in Wächtersbach

im März 2010

 

 

Einleitung
Meine Wiek, nicht d i e Wiek — ganz bewußt ist dieser Titel gewählt worden. Denn aus kindlicher Erinnerung konnte keine wissenschaftliche Darstellung dieses Flüßchens entstehen, das auf der Landkarte so klein aussieht, aber für das Kinder¬leben zum alltäglichen Umfeld gehörte, von der Leberblümchenzeit im Frühjahr bis zur Biegeis-Zeit im Winter und zum Schollchenfahren, wenn auf der Wiek die letzten Eisschollen trieben. Anfangs sollte nur diese kindliche Sicht dargestellt und anhand überlieferter Bilder illustriert werden.
Dann gibt es aber noch eine andere Sicht. Die Wiek durchfließt auf ihrem Weg von ihrer Quelle im Kleschauer See bis zur Einmündung in den Angerapp-Fluß bei Wiek¬münde den gesamten Kreis Angerapp. Der kleine Fluß, der außerhalb Ostpreußens nur ein Bach wäre. würde ohne Wasserzufuhr unterwegs austrocknen. Beim genauen Be¬trachten der Karten kann man feststellen, daß die Wasserzuführung nicht allein von den kleinen Nebenflüssen kommt, sondern überwiegend von den Vorflutgräben der Drainagen. Es ist allgemein bekannt, daß in wasserreichen Gegenden wie der Niede¬rung oder des Memeldeltas große Moorflächen trockengelegt werden mußten, um Kulturland zu gewinnen. Aber auch in unserer, nicht so wasserreichen Gegend war vor der Errichtung von Siedlungen eine aufwendige Meliorisation erforderlich: Wald¬flächen mußten gerodet und Feuchtgebiete durch Abflußgräben entwässert, also drainiert werden. Welchen Umfang diese kostspieligen Maßnahmen ausmachten, läßt sich beim Studium der Meßtischblätter 1:25 000 erst richtig einschätzen (Blatt 1698 Almental und 1598 Angerapp). Auf den folgenden Seiten wird versucht, diese um¬fangreichen, sehr kostspieligen Baumaßnahmen darzustellen. Viele Informationen
zu Drainagen, die auf den Karten nicht darstellbar sind, kamen von dem inzwischen verstorbenen Karl Krause, Besitzer des Hillgruber-Hofes in Kellmienen, dem an dieser Stelle gedankt sein soll.
1938 wurden die alten Ortsnamen, die noch aus der Zeit der alten Pruzzen stammten oder von litauischen Siedlern geprägt wurden, durch „moderne" Namen ersetzt. Oft hatte die Umbenennung einen Sinn, wenn beispielsweise ein Ortsname sehr häufig vorkam und es zu Verwechslungen kommen konnte. Andererseits muß man bedauern, daß die „sprechenden" Namen verschwanden, die auf die Entstehung der Siedlung etwa durch Rodung hinwiesen oder sich auf landschaftliche Gegebenheiten bezogen. Hier werden die neuen Namen vorgezogen, weil sie heute in der Literatur vorwiegend angewendet und auch von den jüngeren Heimatvertriebenen am häufigsten gebraucht werden. Eine Gegenüberstellung der alten und neuen Ortsnamen befindet sich am Schluß.
Die Liebhaber der Wiek, die heute noch am Leben sind, mögen an dieser Darstellung ein wenig Freude haben.


Die Wiek


Die Wiek wird erstmals im Jahr 1576 erwähnt. Die erste große Prussia-Karte des Caspar Henneberger von 1576 zeigt den "Kleszawisch See" mit dem im See ent-springenden Wiek-Fluß und den Wiek-Nebenfluß Gawaitte. (Seine zweite große Prussia-Karte von 1595 enthält eine identische Zeichnung, allerdings ohne die
Beschriftung.) 1576 werden der Kleschauer See und der Wiek-Fluß auch in einer Urkunde des Hauptamtes Insterburg erwähnt. Dazu später mehr.
Es kann nicht von der Wiek die Rede sein, ohne auf Kleschauen und den Kleschauer See einzugehen. Die Siedlung Kleschauen ist relativ früh in der Großen Wildnis an-gelegt worden. Sie findet erstmals im Zinsregister des Amtes Insterburg vom Jahre 1539 als Kleschtzaw mit 8 Wirten Erwähnung. Der Name ist nicht erklärbar; er kann. wie damals die Regel, deutsch oder litauisch sein. Der Ort gehörte zur Kirche Scha¬bienen. 1542 hat Kleschauen schon 11 Wirte.
In den Zinsregistern von 1554 und 1555/56 sind 7 Zinser und 1 Neuzinser aufgeführt, 1557/58 kommt ein Neuzinser dazu. Zur Amtsrechnung dieses Jahres gehört auch ein Verzeichnis „Einnahm geldt vor fische auss den sehen", in dem erstmals der „sehe Kleschawe" erwähnt wird. Im Zinsregister von 1564/65 steht Kleschawen, Kleszowen mit der Bemerkung „zwei Adel hirrgüter (zwei adlige Herrengüter) haben von Osten-Kleszowen". In der Zeit zwischen 1558 und 1564 erfolgte demnach eine Umwidmung von Siedlerland zu Gütern der Familie von Osten (Ostau), die hier erstmals erwähnt wird.
Die eingangs erwähnte Urkunde vom 16. Dezember 1576 gibt ein genaueres Bild wieder. (Auf einem besonderen Blatt mit dem Versuch, den Text in heutiges Deutsch zu übertragen.) Danach hat das Dorf 32 Hufen. die alle besetzt sind. Es gibt 8 Zinser, die 64 Mark an Geld, 8 Scheffel Hafer und 20 Achtel Holz abliefern müssen. Hier findet also die Wiek erstmals schriftliche Erwähnung: An dem Fließ Wiecke, das aus dem See durch das Dorf und Gut läuft, kann eine Mühle angelegt werden. Der See ist mit Bressen, Aalen, Hechten und anderen Speisefischen besetzt. Das Dorf muß der Mühle in Schabienen „schneidebohn (Bohlen?) undt dielenn" liefern. Es ist auch zu einigem Scharwerk „zum Hause" (für das Haus Insterburg?) und dem Hofe Kiauten verpflichtet. Die Güter der von Ostau werden nicht genauer beschrieben. Zu dieser Zeit sind die Siedlungsstelle eine Hufe, seltener zwei Hufen groß. So sind schätzungs¬weise 20 Hufen im Besitz der von Ostau. Was deren Lage betrifft, so kann vermutet werden, daß sich ein Gut im Dorfkern befand, ein zweites an der zu errichtenden Wassermühle.
Bei der Volkszählung von 1905 wird ersichtlich. daß Gut und Mühle eine Einheit, ein Ortsteil von Kleschauen sind: Der Gesamtflächeninhalt wird mit 37,8 Hektar angege-ben. Es gibt drei bewohnte Wohngebäude mit acht Haushalten und 43 Personen. Als zuständiger Standesamts- und Amtsbezirk wird schon damals WikischkenlWiecken genannt. Die Lage auf der Grenzlinie und die Nähe zu Wiecken sind wohl der Grund gewesen, daß die Mühle vom 16.07.1938 an zur Gemeinde Wiecken geschlagen wurde.


"Durchlauchter, hochgeborener Fürst, gnädiger 1-1(err). Neben Erbietung meiner schul-digen gehorsamen Dienste kann e. f. d. ich in Untertänigkeit nicht vorhalten, daß mir von e. f. d. ein Schieiben zugekommen ist. darin dieselbigen befehlen, das Dorf Kleschawen, gelegen allhier im Insterburgischen, zu bereiten, besichtigen und einen gründlichen, wahren Bericht in Förderlichste zu schreiben, welchen Befehl ich in aller Untertänigkeit gehorsam nachzukommen meinen möglichen Fleiß angewendet und allenthalben durch Besichtigung erkundigt, daß dasselbige Dorf K 1 e s c h a w en in sich hat 32 gemessene Hufen, welche alle besetzt mit 8 Zinsern; es tragen die Zinser e. f. d. im Jahr 64 M(ark) an Geld, 8 Scheffel Hafer und 20 Achtel Holz ein. Aus dem See läuft ein Fließ mitten durchs Dorf und Gut. genannt W i e c k e , darauf eine Mühle zu bauen. An demselbigen Strom liegen auch Gründe, aus denen man leicht etwas machen möchte, so ist der Acker und Grund des Getreide(?)landes gut und die Holzung daneben gut zu gebrauchen, darinnen (ist) etliches Klapholz (Schlagholz), die bei guter Gelegenheit noch geschlagen werden möchte. Der See hat in sich sechs Zöge(?), ist besetzt mit Bressen, Aal, Hecht und anderen Speisefischen. Das Dorf wird gebraucht, zur Mühle Schabienen Schneiderbohn (Schnittbohlen?) und Dielen
zu fahren, sowohl zu etlichem Scharwerk für das Haus (d. h. Amt Insterburg) und „Beischlag" fair den zwei Meilen entfernten Hof Kiauten.
Solches ich e. f. d. in Untertänigkeit meiner Pflicht nach nicht vorhalten sollte und bei e. f. d. in Untertänigkeit schuldig und willig berichte.
Gegeben zu Insterburg, den 16. Dezember 1576"


Drainagen


Die Siedler mußten ihr Land der Natur förmlich abringen. Sie erhielten gerade in unserem Landkreis vorwiegend Waldparzellen, die erst gerodet werden mußten. Eine Reihe litauischer Ortsnamen deutet auf die Erschließung hin, z. B. auf Brand¬rodung oder auf die Lage mitten im Walde (Wittgirren). Große Flächen blieben aber Unland. Wegen des hohen Grundwasserspiegels und der unzureichenden Hilfsmittel
mußten manche Flächen und abflußlose Mulden Unland bleiben. Erst spät konnte die Meliorisation (d. h. Verbesserung) des Landes in Angriff genommen werden.
Im Kreis Darkehrnen/Angerapp begann man zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Drai¬nage- Genossenschaften zu bilden. In Wiecken hatten sich in den Jahren 1910/11 der Bauer Eder, der „kleine" Bauer Carl Krause und die Ziegelei entschlossen, ihr Land genossenschaftlich zu drainieren. Die Drainagen liefen durch den Torfbruch des
„Henke" Krause (der "große" Krause), hinter dessen Hof weiter durch das Feld des Gutes Hagen-Grimmen und Brandtstäters Land, um oberhalb der Grimmer Wiek-Brücke in die Wiek zu münden.
Zwischen den Gütern Rößningen und Grimmen, genauer zwischen der Bahnlinie Angerapp Ost — Goldap und dem Grimmer Wald, lief der Fluß durch eine sumpfige Niederung. Man nutzte ein kleines Fließ, das in der Nähe von Rößningen entsprang, um in dessen Verlauf einen Flutgraben anzulegen. Viele Stichgräben führten zum Flutgraben hin. Dennoch war diese "große Wiese" bis zur Flucht nur bedingt zu nutzen. An den Stichgräben sah man vorwiegend saure Gräser wachsen, Klappertopf und Binsen. Wenn im Winter eine lauere Luft das Eis und den Schnee tauen ließ, staute sich das Wasser an Brücken oder anderen Engpässen und führte zu gro߬flächigen Überschwemmungen. Darm setzte wieder Frost ein und eine meilenweite Eisfläche lockte die Jugend aufs Eis. In manchen Sommern wurden die Wasser¬pflanzen im FluObett mit der Sense gemäht — eine mühselige Arbeit. Aber nur so konnte der Verlandung und der Bildung von Staumöglichkeiten Einhalt geboten werden.
Unter den Russen kümmerte sich niemand um diese Probleme. Der Wasserzufluß ließ nach, weil die Drainagerohre verstopften und die Abflußgräben zuwuchsen. Heute kann man stellenweise durch den Fluß waten, an anderen Stellen staut sich das Wasser und bildet Blänken. Es ist abzusehen, daß die „große Wiese" eines Tages einen Sumpf, ein Feuchtbiotop, bilden wird.
Vor dem 1. Weltkrieg gab es in unserem Kreis Angerapp 71 Wassergenossenschaften, darunter auch Genossenschaften zur Regulierung der Schaltinne (später Friedrichs¬berger Fließ genannt) und der Wiek. Sie waren auch für die erwähnten Regulierungs¬arbeiten zuständig. Sie machten viele Sumpfflächen urbar, schufen aus wenig ertrag¬reichen Sauergraswiesen Süßgraswiesen und reduzierten die Überschwemmungen.


Die Schleuse

 

Die Schleuse mit zwei Schützen bewirkte einen Stau, der sich bis zur „weißen Brücke" erstreckte. Diese Anstauung war vor allem als Pferdetränke gedacht. Vom Gutshof führte ein gepflasterter Abgang zur Tränke. Wenn die Kälber groß waren und in einen anderen Stall wechselten, wurden die Kälberboxen zur Tränke geschafft und dort gründlich gereinigt.

 

Die Fischbrutanstalt

 

Die starke Bevölkerungszunahme und die damit einhergehende intensivere Befischung erforderten ergänzende Besatzmaßnahmen. So hat Robert Hensche, ein moderner Geschäftsmann und Gutsbesitzer, es 1871 gewagt, die erste Fischbrutanstalt des Bezirks zu schaffen. Er hatte damit Erfolg. Bis 1880 hatte seine Fischzucht schon
270 000 Jungfische geliefert. In seinem Buch „Aus baltischen Landen" von 1878 berichtet Louis Passarge, daß ein Förster in der Rominter Heide viertausend Forellensetzlinge vom Gutsbesitzer Hensche in Pogrimmen bezogen und in den Flüssen Rominte und Joduppe ausgesetzt hatte.
Die Fischzucht befand sich im Park, unweit seines Gutshauses. Von der Tränke wurde von der Schleuse angestautes Wasser in einen Flußarm abgeleitet, der unterhalb der Schleuse wieder in die Wiek zurückfloß. Etwa in der Mitte dieses Abzweigs befand
sich ein großer hölzerner Kasten, den man als Brutkasten bezeichnete. Zu unserer Zeit war die Zucht längst aufgegeben worden: Wir konnten durch einen ausgetrockneten Flußarm laufen, in dem ein etwa einen Meter hoher hölzerner Kasten stand, der langsam verfiel.
Im Grimmer Wald, am Weg, der von der Schule Grimmen in Richtung Rehbrücke führte, lagen im Unterholz flache Erdwälle. Man sagte, dort wären früher Fisch-teiche gewesen, die zur Fischbrutanstalt gehörten.

 

An der Schleuse


Die Wiek war für alle Kinder Anziehungspunkt, im Sommer wie im Winter. Das Bild wurde im Krieg von Fräulein Mita von Alt-Stutterheim von der Schleuse aus aufgenommen. Die Dorfjugend hatte vorher unterhalb der Schleuse gebadet, jetzt reihte sie sich in Reih und Glied auf der Bleiche auf. Auf der Wiese standen im Frühjahr die Drahtkutzen mit den Keucheln (Hühnchen) und Gösseln (junge Gänse), von Kindern ständig bewacht. Man glaubte wohl, der Habicht, damals noch Hühnerhabicht genannt, könnte sich trotz des schützenden Maschendrahtes eines der Tierchen holen. Unter der Humusschicht befand sich eine wasser-undurchlässige Schicht aus bläulichem Lehm. An der Uferkante konnte man Lehm ausbuddeln und daraus einen primitiven Herd bauen. Der Deckel einer Schuhwichs-Dose diente als Bratpfanne, in der an Ort und Stelle gefangene Gruschel (Gründlinge) gebraten werden konnten. Stachlinski waren nicht geeignet; sie waren zu klein und hatten dazu auf dem Rücken spitze Stacheln. Wenn die richtige Clique zusammen war, wurde auch ein richtiger Fischzug angesetzt. Jungen mit Drahtkörben, sonst fürs Kartoffellesen benutzt, be-gannen ihn an der „weißen Brücke". Sie stellten sich nebeneinander, die Drahtkörbe im Wasser vor sich herschiebend, und zogen so in Richtung Eiskeller. Hier gab es viele Fische, die sich in Uferhöhlen und unter Steinen verbargen. Vor ihnen zog am rechten und linken Ufer jeweils ein Junge mit einer Stange her. Sie mußten mit den Stangen in die Böschungen und in die Nähe dickerer Steine stoßen, um die Fische zu scheuchen. Wenn sich die aufgestörten Fische im moddrig gewordenen Wasser flu߬abwärts retten wollten, landeten sie in den Drahtkörben. Es gab immer eine reiche Beute an Plötzen und Barschen, ab und zu landeten auch glitschige Schleie im Korb. Manche „Fischer" kannten eine einfachere Methode: Sie schauten nachts nach, ob der Gärtner unter der Brücke eine Reuse aufgestellt hatte, um Fische für den Mittagstisch der Gutsküche zu fangen. Wenn die Reuse trotz des Fischreichtums morgens leer vor¬gefunden wurde, mußte deren Speisezettel eben geändert werden.


Unterhalb der Schleuse war ein Art Schwimmbassin ausgespült worden. Dort war der Tummelplatz aller Kinder. Sie lernten hier Schwimmen, wenn man das „Hundehen-paddeln" so bezeichnen darf, sie tauchten hier, suchten den Grund nach Munition aus dem 1. Weltkrieg ab und sprangen von einem überhängenden Ast der großen Weide ins Becken — bis der Ast überlastet wurde und mit allen Jungen ins Wasser klatschte. Hier konnten sie auch Donnerkeile finden, von denen die großen Schulkinder zu be¬richten wußten, daß es Belemniten waren, die Überreste von Tintenfischen aus der Zeit, als unsere Heimat noch vom Meer überspült wurde.
Im Sommer gab es an der Wiek viel Spaß, aber noch schöner war es im Winter, der immer hohen Schnee brachte und alle Flüsse und Teiche zufrieren ließ. Nur wenige Kinder hatten Schlittschuhe, um damit übers Eis zu gleiten. Es gab aber einen be-scheidenen Ersatz: Unter die Holzklumpen wurden "Kufen" aus den dicken Drähten der Weidezäune geklopft — wobei der Klumpen platzen konnte, was unangenehme Folgen hatte. Fußgänger mußten Acht geben, daß sie nicht dort ausrutschten, wo die Kinder den Boden glatt geschorrt hatten. Wenn das Eis richtig trug, wurde Eishockey gespielt, mit Eishockeyschlägern aus Hartriegelknüppeln. Um Krengel zu bauen, mußte das Eis schon ganz dick sein. Man schlug eine Stange ins Eis, an der oben eine lange Stange, ähnlich dem Wiesbaum eines Erntewagens, beweglich angebracht war. An deren Ende wurde ein Schlitten angehängt, und große Kinder drehte jetzt die Stange und bescherten dem glücklichen Schlittenkind das Gefühl, Karussell zu fahren.
In fast jedem Jahr gab es zu einem gewissen Zeitpunkt eine kurze Tauperiode. Es gab großflächige Überschwemmungen, und wenn es dann wieder fror, konnte man über eine unendliche weite Eisfläche laufen. Wohl dem, der Schlittschuhe besaß. Für die Kinder, die nur einen Schlitten besaßen, brachte die Biegeis-Periode einen Riesenspaß. Sie setzten sich auf den Schlitten an den Rand einer Biegeisfläche und stießen sich mit Pieken ab. Man mußte schnell über die Eisfläche schießen, denn das dünne Eis bog sich unter der Last des Schlittens und bekam unter ständigem Knistern Risse.Wehe dem, der auf dem Biegeis halten mußte: Der Schlitten brach ein, und mit nasser Kleidung mußte der Unglücksrabe schleunigst nach Hause laufen.
Für Schlittenabfahrten fehlten richtige Erhebungen. Die schönsten Schlittenbahnen waren auf der Abfahrt zur Tränke und unterhalb des Gutshauses, zwischen dem dicken Ahornbaum und dem Zaun zur Tränke hin. Man _bommelte" sich auch gern an, etwa an Schlitten, die den Mist auf die Felder fuhren oder an den einspännigen Schlitten des Briefträgers Fermer. Es gab richtige Schlitten-Schlangen, und je länger die Schlange wurde, desto größer war die Gefahr, ins Schleudern zu geraten und allein oder mit anderen im Schnee zu landen.
Wehmütig konnte man werden, wenn unter einem grauen Himmel das Tauwetter ein¬setzte und das Eis brüchig wurde. Dann kam aber die Zeit der „Seeschlachten". Große Schollen wurden abgebrochen und je nach Größe als Schlachtschiff, Kreuzer oder Zer¬störer genutzt. Mit langen Stangen wurden die Schollen gegeneinander in den Kampf geschickt. Beim Zusammenstoß stellte sich oft heraus, daß große Schlachtschiffe eher auseinander brachen als die kompakten, kleinen Zerstörer. Die Schlacht gingen ver¬hältnismäßig schnell zu Ende, denn das brüchige Eis bot den „Seemänner" nicht lange einen trockenen Aufenthalt..
Nach dem Krieg führte die Wiek noch ausreichend Wasser, um dort die Wäsche spülen zu können.   Einen ähnlichen Steg hatten sich die Bewohner der früheren Frenkelschen Wohnung oberhalb der Weißen Brücke für diesen Zweck gebaut.

 

Die Rehbrücke

 

Im Wald, in der Nähe des Fritzenauer Waldanteils , führte ein schlichter Steg über die Wiek. Wahrscheinlich diente er Waldarbeitern oder dem Förster als Übergang. Bei der Jugend war er allerdings nur unter dem hochtrabenden Wort „Rehbrücke" bekannt. Unterhalb des Steges umfließt die Wiek eine kleine Erhebung. Wenn die Kinder an trockenen Stellen genug Leberblümchen und Busch-windröschen gepflückt hatten, führte der Weg sie zu dieser Stelle, einem Standort des interessanten Lungenkrauts, dessen Blüten von rot nach blau-violett wechseln. Auf der kleinen Waldwiese befand sich ein froschreicher Tümpel. Das Quaken der Frösche lockte die Jungen an, die ihre frühlingshafte Betätigung beobachteten und auch gern einmal die glitschigen Tiere fingen.

 

Zwischen Grimmen und Eschingen


Auch auf diesem Abschnitt wird die Drainage eine wichtige Rolle spielen, im großen und im kleinen. Um im kleinen zu bleiben: Im Krieg wurde in Grimmen das Umfeld der Insthäuser „verschönert". Der Holzplatz und die Ansammlung der Kleintier-Kutzen vor den Häusern wurden auf die Rückseite, die Wiekseite, verlegt und die Gemüsegärten vergrößert. Wir bekamen ein Stück dazu, das an ein Gebüsch mit
„Knallerbsen" an der Bleiche grenzte. Diese Sträucher durften dort gedeihen, weil sie auf feuchtem, unbrauchbarem Boden standen. Auf dem Foto mit der sportlichen Jugend ist das Gestrüpp hinter den Jungs zu sehen. So sah es aber auch auf dem Stück Land aus, das wir dazu bekamen. Kartoffeln wären dort am Strauch verfault. Unser Vater, der Gärtner Otto Skroblin, beriet sich mit Opa und ging dann ans Werk: Er hob einen tiefen Graben aus, quer über die Bleiche bis zur Wiek, legte Reisigbündel auf die Grabensohle und schüttete den Graben wieder zu. Im Nu war das neue Land trocken, und die Kartoffeln gediehen prächtig. Drainage als Privatsache!
Größere Probleme bereitete der hohe Grundwasserspiegel aber dem Gut Grimmen
Mit der Drainierung der „großen Wiese" sind große Wiesenflächen gewonnen worden. Im Gebiet zwischen Grimmen und Wilhelmsberg ging es darum, das Getreideland zu „meliorieren", zu verbessern. Der Abschnitt zwischen Park und Keilmienen (Keihmen) führte, dem Gefälle folgend, in Richtung Keilmienen. Der Hauptstrang, ein 10-Zoll-Rohr, kam an den Erlen aus, an Hillgrubers saurer Wiese gegenüber dem Friedhof. Wegen der ständigen Überschwemmungen vor diesem Wiekknick war dort schon lange vor dem 1. Weltkrieg drainiert worden. Der frühere Flußverlauf ist am Alt¬wasser an den Erlen und auf der anderen Seite an den Tümpeln unter dem Friedhofs¬hang zu erkennen. Zwischen Friedhof und den Flußwiesen des Hofes Hiligruber (später Krause) wurde während der Drainagearbeiten eine Durchfahrt angelegt, die mit geschlagenen Vierkantsteinen gepflastert wurde. Durch diese Furt konnten jetzt Wagen zum Hillgruberschen Land auf der anderen Wiekseite fahren, denn die Grenze Kellmienen/Grimmen verlief über den Friedhof. Keilmienen war übrigens vollständig drainiert. mit Ausnahme des Mühlenfeldes, das zum Gut Grimmen gehörte.
Die Arbeitsmittel waren seinerzeit primitiv. Der Erdaushub wurde mit hölzernen Schubkarren mit eisenbereiften Rädern von etwa zwanzig angeworbenen Arbeitern auf ausgelegten Bohlen weggekarrt und stellenweise in das alte Flußbett gekippt. Es mußte schnell gehen. Wenn die erste Schubkarre losfuhr, mußte die zweite schon beladen sein und ihr folgen. Die Arbeiter wurden nach Zahl der ausgehobenen Meter bezahlt. Deshalb wurden die Gräben möglichst schmal gehalten. Bei starken Regen¬fällen war das eine Sisyphosarbeit, weil die Grabenwände immer wieder einstürzten. Die Arbeiter revoltierten auch einmal, um in solchen Fällen eine Zulage zu erhalten. Der Aufstand bleib erfolglos, weil der abgeschlossene Vertrag keine zusätzlichen Leistungen vorsah.
Die Drainagerohre aus Ton mußten nach einer Reihe von Jahren erneuert werden, weil sie von den Schwebstoffen des durchfließenden Wassers zugesetzt wurden. In diesem Bereich bekam das Gut Grimmen zusätzliche Probleme durch die Kopfweiden des Privatweges. Denn ihre feinen Wurzeln drangen in die Rohre ein und verstopften sie vor der Zeit. Deshalb ging der Inspektor im Frühjahr, wenn der Schnee getaut war, übers Land und suchte die Stellen, an denen das Schmelzwasser auf den Feldern stehen blieb. Dann mußten in mühsamer Arbeiten die Rohre freigelegt und erneuert werden.

 

Das Geländeniveau der Getreide- und Hackfruchtfelder, die in Richtung Wilhelms-berger Chaussee / Wilhelmsberg lagen, erforderte die Ausrichtung der Drainagerohre parallel zur Wiek in Richtung Norden. Vom Dreieck Privat- /Triftweg, aus dem Be¬reich der Feldscheune und den Feldern östlich davon wurden 10—Zoll—Rohre etwa 50 bis 60 Zentimeter tief verlegt. Nach Unterquerung der Wilhelmsberger Chaussee wurde die Drainage offen geführt, am Kaninchenwald vorbei durch die Gemarkung Großbachrode bis zur Einmündung in die Wiek in der Höhe von Eschingen.
In den abgelegenen Feldern wurden "offene Drumme" angelegt. Dazu wurden die großen Betonrohre, die für Straßendurchlässe benötigt wurden, hochkant in die Erde eingelassen. In ihnen endeten Drainagerohre. Das Drainagewasser, das sich dort sammelte, war kühl und von ausgezeichneter Reinheit. Feldarbeiter konnten so ihren Durst löschen, entweder aus der hohlen Hand oder aus einem Klumpen.(Holzschuh).
Bevor aber dieser große Drainagegraben (Vorflutgaben) in die Wiek floß, nahm er noch die Schaltinne auf, die nach 1938 Friedrichsberger Fließ genannt wurde. Wie schon eingangs erwähnt wurde, waren Wassergenossenschaften zur Regulierung von Wiek und Schaltinne geschaffen worden. Die Schaltinne nahm schon zwischen Frisdrichsberg und dem Kirchdorf Wilhelmsberg eine große Menge Drainagewasser auf. Zuletzt wurde das tief gelegene, sumpfige Gelände zwischen dem Gut Wilhelms¬berg und Eschingen drainiert.
Das Dorf Fritzenau (früher Kermuschienen) hatte sich keiner Wassergenossenschaft angeschlossen. Vom Hof Fermer ist aber bekannt, daß dessen Felder privat drainiert worden sind.
Bei Großbachrode, das bis 1938 Groß Kolpacken hieß, lag ein Bruch, der einen Abflauf zur Wiek erhalten hatte und als Torfbruch genutzt werden konnte. Nach dem Krieg verlandete der Ablauf, aus dem Torfbruch ist wieder ein kleiner See entstanden.
Nach 1945 brach das gesamte Drainagesystem zusammen. Das Tiefpflügen mit . modernen Traktoren und Pflügen zerstörte die Drainagerohre. Die wären aber auch ohne das Tiefpflügen inzwischen unbrauchbar geworden, weil kein Interesse an einer arbeitsaufwändigen Erneuerung bestand. Nur an wenigen Stellen Nordostpreußens,
z. B. bei Mallwen (Mallwischken), haben die Russen großflächig drainiert, aber wieder mit Tonrohren, die im Westen schon längst von Kunststoffrohren abgelöst worden sind.
Heute plätschert nur noch wenig Wasser in dem überwachsenen Vorflutgraben der Schaltinne. Kein Wunder, daß die Wiek wegen der fehlenden Drainagewässer streckenweise trocken liegt und nördlich des Skrobliener Wäldchens auf der neu angelegten Straße Eschingen - Dingelau keine Wiekbrücke mehr erforderlich ist man überquert die dort meist wasserlose Wiek durch eine Furt.


Die Wiek bei Kellmen

 

An der Schule Grimmen in Keilmienen, wie dieser Ortsteil von Grimmen bis 1938 hieß, hatte ein Sohn des Lehrers Neumann täglich gebadet, im Sommer wie im Winter. Am 7. August 1995 zeigte ein Blick von der Nachkriegs-Brücke in Richtung Grimmer Wald, daß nur noch geringe Wasserreste um Flußbett stehen.

 

Die Wiek bei Eschingen

 

Von Eschingen führt ein Weg nach dem inzwischen verschwun¬denen Dorf Kleedorf. Hinter dem ebenfalls verschwundenen Klein-eschingen (früher Skroblienen) flaut eine Brücke über die Wiek. Das am 27. Juni 2003 flußabwärts aufgenommene Foto zeigt, daß die
Wiek dort im Sommer kein fließen-des Wasser mehr führt. Nur in kleinen Mulden des Flussbettes steht stellenweise noch etwas Wasser.

 

Zwischen Eschingen und Wiekmünde


Das Bauerndorf Karkeim (früher Kariotkehmen) entwässerte zur Gawaite (ab 1938 Herzogsroder Fließ). Nur zwei Höfe, die auf höherem Niveau lagen und an die Eschin-ger Gemarkung grenzten, drainierten zur Wiek hin. Vom Hof Neufang lief die Draina-ge unter der Straße Eschingen — Gumbinnen durch. Am Hof Jeske - Eschingen ent-wässerte der offene Graben ein Feuchtbiotop, aber ohne es ganz trocken zu legen, wie der Baumbestand zeigt. Von hier aus läuft der Flutgraben in Richtung der heute still-gelegten Bahnstrecke Angerapp Ost — Gumbinnen, die er in einem gemauerten Durch-laß unterquert. Danach richtet sich der Lauf in Richtung Norden (s. Fotos vom 16.06. 1997), um nach Passieren des Bauerndorfes Bindemark die Wiek zu erreichen.

Nach Eschingen fließt die Wiek nur noch zwischen Bindemark und der Domäne Dingelau und vorbei am Gut Gudwainen durch den Kreis Angerapp, um in den Kreis Gumbinnen zu gelangen. Hinter Eschingen, wo man als Pimpf jeden Sonntag zum Jungvolkdienst antreten mußte, endete auch der Gesichtskreis eines Jungen, der mit zwölf Jahren die Heimat verlassen hat. Nach der Wende, also seit 1990, wäre es mög¬lich gewesen, auch den Verlauf des Flüßchens zu verfolgen. Aber selbst dann, wenn man die Zeit dafür gehabt hätte: es wäre ein schwieriges Unternehmen geworden, weil sich die Natur gerade an den Flüssen ungehindert ausgebreitet und den Flußlauf auf weite Strecken derart überwuchert hat, daß es unmöglich wäre, das Flussufer zu er¬reichen.
Kurz vor Norgallen, das 1938 aus ersichtlichem Grund in Wiekmünde umgetauft wurde, nimmt die Wiek das Herzogsroder Fließ auf (bis 1938 Gawaite). Auf der Übersichtskarte ist der lange Lauf von Friedrichsberger und Herzogsroder Fließ zu sehen. Ihr Lauf ist wahrscheinlich nicht kürzer als der unserer Wiek. Weil sie auf ihrem Weg einige Zuflüsse und vor allem Drainageeinleitungen aufnahmen, müssen sie ebenfalls viel Wasser geführt haben. So ist auch zu verstehen, daß bei Ramfelde ein kleines Kind in der Gawaite ertrinken konnte.
In der Gemeinde Wiekmünde, die sie in Schlangenlinien durchquert, endet die Wiek. Sie mündet in der Angerapp, einem wasserreichen Quellfluß des Pregels.


Drainagen im Kreis Gumbinnen


Karl Feller aus Gau-Algesheim, früher wohnhaft in Kaimelswerder bei Nemmersdorf, schreibt, dass sein Heimatkreis Gumbinnen grundsätzlich fast fertig drainiert war. Das führte dazu, dass Wasserwirtschafts-Fachleute um 1939 zur Mäßigung aufriefen, weil der Pregel das ganze Jahr über zuviel Wasser führte! Durch Dr. Bloechs Bücher „Ostpreußens Rinder und ihre Zuchtstätten" zieht sich das Thema wie ein roter Faden durch die Beschreibung der land¬wirtschaftlichen Betriebe: Wasser aus der Oberfläche ableiten und gutes Trinkwasser in der Tiefe suchen.
Die aus den Niederlanden stammenden Mennoniten hatten das Weichseldelta eingedeicht und durch offene Gräben und Schöpfwerke trockengelegt. Von dort kamen die Fachleute für die Ableitung des Wassers nach Ostpreußen, wo sie in ähnlicher Weise in der Elchniederung tätig wurden. Ein frühes Musterbeispiel für Drainagemaßnahmen ist auch die Trockenlegung des seinerzeit nicht nutzbaren Geländes von Trakehnen. Der König Friedrich Wilhelm I. ließ von 1726 bis 1732 das Lande trocken legen, das nicht, wie der litauische Ortsnamen Trakis ver¬muten läßt, aus Sumpf, sondern aus gutem mineralischem Schwemmlandboden bestand. Die aus dem Wystiter See kommende Pissa hatte sich in diesem Talbecken in unzählige Arme geteilt, die aus dem Süden kommende Rodupp brachte besonders bei Regen weitere Wasser¬mengen. 1726 hatten 300 Memeler Soldaten begonnen, für die Entwässerung dieser feuchten Niederung den sieben Kilometer langen Pissakanal zu graben, und schon im nächsten Jahr konnte eine reiche Heu-ernte eingebracht werden.
Auf dem elterlichen Hof von Herrn Feller in Kaimelswerder wurde das Heu zur Zeit seines Urgroßvaters noch in Tüchern und auf einem Kahn nach Hause gebracht! In dem wasser¬reichen Ort durfte damals jede Arbeiterfamilie zehn Gänse halten, nur jede zehnte Gans war dem Urgroßvater abzuliefern. Wie Dr. Grenz berichtet, sind in den Jahren 1895 bis 1937 im Kreisgebiet Gumbinnen allein fünfzig Verbände für Drainageeinrichtungen gegründet worden. Am 15. Mai 1896 wurde die Entwässerungs-Genossenschaft zur Regulierung der Auxinne (später Goldfluß) gegründet. Zum Verbandsgebiet gehörten außer Kaimelswerder noch Nemmersdorf, Wandlauszen (Rotenkamp), Pennacken (Werfen), Kiaulkehmen (Jung¬ort), Austinehlen (Austinshof), Auxionehlen (Adamshausen), Groß Datzen und Auxinnen (Ammerau). An der östlichen Grenze von Kaimelswerder. unterhalb des Friedhofs, verläuft die Wasserscheide. Der Entwässerungsgraben, der nach Westen läuft, bildet praktisch die Quelle der Auxinne, die an Insterburg vorbei führt und erst bei Norkitten in den Pregel mündet. Östlich der Wasserscheide läuft das Drainagewasser in Richtung Nemmersdorf und damit in den Angerapp — Fluß. Die wichtigste Vertiefung hatten russische Kriegsgefangene 1915 ausgeführt, Arbeitslose verbesserten 1930 nochmals die Vorflut. Zum Vorflutgraben hin mußten von jeder feuchten Stelle die eigentlichen Drainagen gelegt werden, auch Sauger genannt. Es wurden etwa 30 Zentimeter lange Tonröhren verwendet. ie Tonröhren hatte erstmals ein belgischer Ingenieur um 1855 nach Ostpreußen gebracht. Vorher hatte man den Boden mit vielen offenen Gräben entwässert. Die Gräben zerschnitten aber die Felder oder Wiesen und behinderten damit die Bewirtschaftung erheblich.
Das richtige Verlegen der Tonröhren mußte erst erprobt werden. Auf schweren Böden mussten sie relativ flach und nicht zu weit auseinander verlegt werden. Sandiger Boden setzte sich gern in den Röhren ab, deshalb war es von Vorteil. dort Röhren mit einem größeren Durchmesser zu verwenden.


 Eine Folge der Trockenlegung (und zusätzlicher Thomasmehl- und Kalidüngergaben) war beim Hof Feller in Kaimelswerder die höhere Einstufung des Einheitswertes bei der Bodenschätzung 1936. Die Erträge hatten sich dadurch tatsächlich erheblich verbessert. Der Besitzer mußte allerdings das drainierte Land immer wieder in Augenschein nehmen.
Karl Feller mußte 1946 unter den Russen auf seinem Land pflügen und stellte dabei fest, dass auf einem früheren Kartoffelacker nur noch hartes Gras wuchs. Sein Vater erklärte ihm später. dass er der Drainage an dieser Stelle nie getraut hätte. Sie versandete immer wieder und er hätte sich vorgenommen, bei Gelegenheit Röhren mit größerem Durchmesser zu verlegen. Bis zur Flucht war es dazu nicht mehr gekommen. Diese Arbeiten versah dort der Schachtmeister Kuschnerus. Er wohnte in einem der Siedlungshäuser, die vor 1930 als landwirtschaftliche Nebenerwerbsstellen auf dem Weg von Kaimelswerder nach Nemmersdorf gebaut worden waren. Für das Ausheben der Gräben verwendete er spezielle Spaten und einen Haken am Stiel, mit dem die Drainageröhren richtig platziert werden konnten.
Das Drainieren war eine harte Arbeit, aber die höheren Erträge ließen alle Mühen und Kosten vergessen.


Ortsnamen


ab 1938              früherer Name
Angerapp             Darkehmen
Angerhöh              Szuskehmen, Schuskehmen
Bindemark            indszuhnen
Dingelau Grasgirren
Friedrichsberger Fließ Schaltinne
Fritzenau Kermuschienen
Grimmen, Dorf Pogrimmen, (Königl.) Dorf und Gut Hagen
Grimmen Pogrimmen. (Adliges) Gut Hensche
Großbachrode Groß Kolpacken
Herzogsroder Fließ Gawaite
Karkeim Kariotkehmen
Karlswalder Forst Brödlauker Forst
Kellmen Keilmienen
Kleineschingen Skrohlienen (1938 zu Eschingen)
Kleinfritzenau Brindlacken
Kleschauen Kleszowen
Rößningen Röseningken
Wiecken Wikischken
Wiekmünde Norgallen
Wildhorst Schakumehlen